Über den Tag hinaus

Über den Tag hinaus

Deutschland 2014/2015, TV-Spielfilm

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Über den Tag hinaus - ein wertvoller Film zum Nachdenken

Was macht diesen Film m. E. so außergewöhnlich wertvoll?

Im Mittelpunkt steht die fundamentale Frage, die uns Menschen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven bewegt: „Was ist in meinem Leben noch wichtig?“ Auf diese Frage gilt es, aktiv eine Antwort zu finden.

Die beiden Hauptpersonen des Films sind äußerlich unauffällige Menschen, mit denen sich jeder Zuschauer leicht identifizieren kann. Sie sind „Menschen wie du und ich“. Kleidung, Schmuck, körperliche Erscheinung sind vom Regisseur für diese Personen bewusst zurückhaltend gewählt worden, damit der Zuschauer sich auf das Wesentliche des Films konzentrieren kann: die Gedanken und Gefühle dieser Menschen, die sich in unterschiedlichen kritischen Lebenslagen befinden.

Walter ist zunächst die aktivere der beiden Personen. Er hat ein klares Ziel. Aktiv will er sich von wichtigen Orten seines Lebens verabschieden, aktiv will er loslassen und dabei in seiner Erinnerung die wichtigsten Personen und die wichtigsten Gefühle noch einmal kurz aufleben lassen. Er hat sich einen aktiven Abschied für diesen langen Tag vorgenommen. Es ist ihm wichtig, möglichst viel von dem, was für ihn im Leben eine Bedeutung hatte, an den „Orten des Geschehens“ noch einmal wachzurufen, um es danach für immer hinter sich zu lassen.

Greta ist demgegenüber passiv. Sie hat kein Ziel und arbeitet ihre Schicht als Taxifahrerin mit deutlicher innerer Distanz zu ihren Mitmenschen ab, weil sie das Geld zum Überleben braucht und nicht weil sie irgendeinen Hauch von Freude an diesem Beruf hat. Außer dem regelmäßigen Besuch bei ihrer demenzkranken Mutter ist ihr im Leben nichts mehr wichtig. Für sich selbst bringt sie keinen Respekt und keine Wertschätzung mehr auf.

An einer Kreuzung von wenig befahrenen Straßen auf dem Land konfrontiert Walter sie mit einigen ernsten Fragen über ihr Leben. Sie will nicht aber mit ihm darüber reden. Zum ersten Mal bei dieser Fahrt wird sie selbst aktiv und fährt mit dem Taxi davon und lässt ihn in dieser entlegenen Gegend einfach stehen. Sie ist verzweifelt, denn sie weiß keine Antworten auf seine Fragen nach dem, was ihr in ihrem Leben noch wichtig ist.

Walter setzt sich auf seinen Koffer und überdenkt seine Situation. Er hatte den perfekten Plan für diesen langen ausgefüllten Tag des Abschiednehmens gehabt. Dieser Abschied war ihm so wichtig gewesen, dass er jeden Preis dafür bezahlt hätte. Nun ist die Durchführung seines Plans nicht mehr möglich. Er muss die Möglichkeiten für den Rest dieses Tages neu bedenken und er entscheidet sich, dass sogar sein so sorgfältig geplantes Abschiednehmen ihm nun nicht mehr wichtig ist: Er reißt die Seiten aus seinem Tagebuch und verstreut seine bisher wertvollen Erinnerungen und Pläne im Wind. Als Anhalter fährt er mit einem Mopedfahrer zum nächsten Ort. In der Kirche, in der vor Jahrzehnten geheiratet hat, sitzt er ruhig für eine ganze Weile und lässt das Gefühl der Liebe zu seiner verstorbenen Frau noch einmal in sich wirken.

Greta findet ihn hier. Sie sprechen über die Liebe, die sie mit ihren Partnern erlebt haben und über Enttäuschungen und den Verlust. Durch das Gespräch erreichen sie einen gewissen Abstand zu diesen belastenden Gefühlen und finden zurück zu einer neuen Fröhlichkeit, die sie sogar ein paar Tanzschritte auf dem Dorfplatz machen lässt.

Beeindruckend ist, wie Walter und Greta abends spät - Schulter an Schulter aber verkehrt herum - auf eine Wolldecke auf dem Rücken im Gras liegen und in den dunklen Nachthimmel schauen, um Sternschnuppen zu „sammeln“ und in klaren verständlichen, und doch tief philosophischen Sätzen darüber zu sprechen „Was ist im Leben noch wichtig?“

Greta erkennt, dass es ihr sehr wichtig ist, von ihrem Exfreund, der sie betrogen hatte, aktiv Abschied zu nehmen. Dazu sucht sie ihn zu Hause auf und mit der Unterstützung von Walter drückt sie unmissverständlich aus, was sie von ihm hält. Sie sagt ihm all ihre Enttäuschung ins Gesicht und hört nicht auf, bevor sie alles gesagt hat, was sie sagen wollte. Sie untermauert ihre Wut dadurch, dass sie ihn mit ein paar rohen Eiern bewirft und auch dabei unterstützt sie der 83-jährige Walter.
Greta hat diese Aufgabe des Abschieds von ihrem früheren Lebensabschnitt mit großer Anstrengung aber dennoch tatkräftig geschafft und wirkt danach wie befreit - endlich offen und bereit für den nächsten Lebensabschnitt, für den sie einige zaghafte Träume hat, die sie Walter nun zu erzählen bereit ist.

„Was ist in meinem Leben noch wichtig?“

Walter, der seine Frau und seine Tochter verloren hat, findet auf diese Frage zwei Antworten: Zum Einen die Entscheidung, angesichts seiner lebensbedrohlichen unheilbaren Krankheit ins Hospiz zu gehen, und zum Anderen, die Taxifahrerin Greta mit einem nicht genannten aber nicht unerheblichen Geldbetrag finanziell für die Verwirklichung ihrer Zukunftspläne zu unterstützen.

Greta, die endlich aus ihrer Passivität und Resignation herausgefunden hat, findet ebenfalls zwei Antworten: Sie kündigt ihren Job als Taxifahrerin und nimmt ihr abgebrochenes Studium wieder auf, um irgendwann und irgendwie doch noch einmal ein paar Schritte auf dem Weg zu ihren beruflichen Träumen zu gehen.

Was macht diesen Film m. E. so außergewöhnlich wertvoll?

Wertvoll ist, dass der Film nicht nur unterhalten will, sondern dass er vor allem zwei Menschen als Modelle zeigt, die mit innerer Überwindung und Anstrengung drei „lebenswichtige“ Sätze vorgelebt haben: Ich denke über mein Leben nach, ich komme mit anderen Menschen darüber ins Gespräch, ich bin selbst aktiv bei der Gestaltung meines eigenen Lebens. Diese drei Sätze sind die Antworten auf die Frage „Was ist in meinem Leben noch wichtig?“

Wertvoll ist, dass der Film für die Bearbeitung dieser fundamentalen Sätze auf sentimentale Klischees ebenso verzichtet wie auf „reißerische“ Effekte: Auf die Darstellung des Todes von Walters Tochter oder seiner Frau, die in seiner Erinnerung zu Bildern hätten werden können, wird ebenso verzichtet wie auf die Darstellung seiner Todes, der ja greifbar nahe ist. Über die Höhe des geschenkten Geldbetrages erfahren die Zuschauer nichts Konkretes und es flattern zum Schluss keine tausend Geldscheine über den Hof des Taxiunternehmens. Das Geld ist nicht das Wesentliche am Schluss. Stattdessen endet der Film mit dem unspektakulären, aber klaren Bild einer jungen Frau, die sich aktiv für ihre Zukunft entschieden hat.

Wertvoll ist der Film, weil er die Auseinandersetzung mit den drei „lebenswichtigen“ Sätzen in sehr unaufdringlicher, gut nachvollziehbarer Form deutlich macht.
Den Zuschauern eine glaubhafte und realistische positive Einstellung zum Leben mit auf den Weg in ihren Alltag zu geben, das ist dem Regisseur und vor allem auch den beiden Hauptdarstellern auf eine äußerst einfühlsame und authentische Weise gelungen.

Karl G., Ludwigshafen

Credits

Director:Martin Enlen
Screenplay:Edda Leesch
Director of photography:Philipp Timme
Editing:Stefan Kraushaar
Music:Dieter Schleip
  
Cast: 
Horst SachtlebenProf. Dr. Walter Singer
Katja StudtTaxifahrerin Greta
Charlotte Schwab
Christine SchornGretas Mutter
Dorothea Walda Frau Kretschmann
Katalyn BohnViola
Christian NatterLorenzo
Fredrik Jan HofmannPfleger
Laura Louisa GardePolitesse
Cornelius SchwalmHausbesitzer
  
Production company:Hessischer Rundfunk (HR) (Frankfurt am Main)

All Credits

Director:Martin Enlen
Assistant director:Olaf Kell
Screenplay:Edda Leesch
Director of photography:Philipp Timme
Production design:Frank Prümmer
Make-up artist:Andrea Hasenstab
Costume design:Maria Dimler
Editing:Stefan Kraushaar
Sound:Majid Sarafi
Music:Dieter Schleip
  
Cast: 
Horst SachtlebenProf. Dr. Walter Singer
Katja StudtTaxifahrerin Greta
Charlotte Schwab
Christine SchornGretas Mutter
Dorothea Walda Frau Kretschmann
Katalyn BohnViola
Christian NatterLorenzo
Fredrik Jan HofmannPfleger
Laura Louisa GardePolitesse
Cornelius SchwalmHausbesitzer
  
Production company:Hessischer Rundfunk (HR) (Frankfurt am Main)
Producer (TV):Inge Fleckenstein (HR)
Unit production manager:Dominik Diers
Shoot:06.08.2014-11.09.2014: Frankfurt am Main und Umgebung
Length:90 min
Format:DCP, 16:9
Picture/Sound:Farbe, Dolby
Screening:Uraufführung (DE): 23.06.2015, Ludwigshafen, Festival des deutschen Films

Titles

Originaltitel (DE) Über den Tag hinaus
Arbeitstitel Jetzt!

Versions

Original

Length:90 min
Format:DCP, 16:9
Picture/Sound:Farbe, Dolby
Screening:Uraufführung (DE): 23.06.2015, Ludwigshafen, Festival des deutschen Films
 

Awards

Festival des deutschen Films Ludwigshafen 2015
Publikumspreis
 

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