Vaterland

Vaterland

Deutschland 1992, TV-Spielfilm

Vaterland

Thomas Heises Dokumentarfilm über die ostdeutsche Provinz


Rudolf Worschech, epd Film, Nr. 12, 02.12.2003

Zu Beginn schwenkt die Kamera über ein diesiges Flussufer und dann auf eine Eisenbahntrasse. Ein Zug fährt vorbei, rasend schnell, in die Ferne. Und die Kamera senkt sich, auf einen kleinen Feldweg, der ins Nichts einer flachen Landschaft führt. Dieser Anfang ist programmatisch für den neuen Film von Thomas Heise: Etwas Ort- und Zeitloses geht von dem kleinen Nest Straguth aus, das im Mittelpunkt von "Vaterland" steht. In dem Dorf in Sachsen-Anhalt, nahe der Stadt Zerbst, scheint die Zeit wie stehen geblieben, und von der Wiedervereinigung ist hier wenig zu spüren. Früher einmal war Straguth Standort sowjetischer Truppen und davor, im Nationalsozialismus, ein Arbeitslager.

Straguth ist ein Ort im Niemandsland, deren Bewohner wie in einem Zwischenreich leben. Die Vergangenheit ist noch präsent, und ob es eine Zukunft gibt, ist ungewiss. Otto gehört die Kneipe. "Lieber zehn Russen als einen Wessi", sagt er. Volker wurde von seiner Frau verlassen, in zwei Jahren will er fortziehen, weil dann sein jüngstes Kind aus der Schule ist. Einer seiner Söhne schmückt den Christbaum. Rammstein läuft dazu. Die Freiwillige Feuerwehr weiht einen neuen Wagen ein. Das Trompetenduo Rita und Klaus übt "Heitschibumbeitschi". Und Moni, die einzige Frau, die der Film zu Wort kommen lässt, sagt: "Ich bin froh, dass ich hier bin, ich muss doch nicht glücklich sein."

Aber "Vaterland" ist weniger ein Dokumentarfilm über einen bestimmten Ort und dessen Bewohner und ihre Kuriositäten. "Vaterland" ist ein Film über die Ablagerungen der Geschichte. Thomas Heise kam auf diesen Ort, weil sein Vater im Lager der Nazis eingesessen hatte. 1987 besuchte Heise Straguth schon einmal, um mit einer aus dem Westen eingeschmuggelten Videokamera zu drehen. Drei Zeitebenen finden sich so in diesem Film, die unvermittelt ineinander übergehen: die Briefe des Vaters aus dem Lager aus dem Off, die russischen Militärflugzeuge aus der Vorwendezeit, der Ort heute. Die Leute schleppen die Vergangenheit mit sich, und von der Geschichte sind die Geschichten geblieben. In Ottos Kneipen erzählt man sich vom Krieg, und Moni meint, dass es besser war, als die Russen noch da waren. Da haben die grellbunt geschminkten Offiziersfrauen so gesoffen wie die Männer.

Und Heise verfolgt die Spuren der Geschichte in den Dingen. Lange fährt die Kamera von Peter Badel an den Mauern des Flugzeughangars mit dem bröckelnden Putz entlang, immer wieder tauchen die verlassenen Kasernen und die leeren Straßen von Straguth auf. Die Natur nimmt mittlerweile wieder Besitz von den Steinen, das Flugfeld wächst zu und die aufgegebenen Wohnblöcke auch. Die Geschichte und ihre Sedimentierungen war immer schon ein Thema von Heise: In Eisenzeit (1990) ging es um die desillusionierten Kinder von Eisenhüttenstadt, "der ersten sozialistischen Stadt auf deutschem Boden", in STAU – Jetzt geht"s los (1993) forschte er dem Zeitenwechsel nach, der Rechtsradikale erzeugte. "Vaterland" ist sein vielleicht erratischster Film. Aber auch sein poetischster.