(T)Raumschiff Surprise - Periode 1

(T)Raumschiff Surprise - Periode 1

Deutschland 2003/2004, Spielfilm

(T)Raumschiff Surprise – Periode 1


Horst Peter Koll, film-dienst, Nr. 16, 05.08.2004

Den Überraschungseffekt hatte Michael Bully Herbig diesmal definitiv nicht auf seiner Seite. Nachdem er vor drei Jahren mit seiner ebenso stilechten wie gedankenflachen Winnetou-Parodie "Der Schuh des Manitu" (fd 34 974) zwölf Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt hatte, rief er die Zuschauer seiner Fernsehshow "bullyparade" selbstbewusst zur Urabstimmung darüber auf, was er als Folgeprojekt ins Kino bringen solle; zur Wahl standen "Sissi – Wechseljahre einer Kaiserin", eine "Traumschiff"-Klamotte und ein "Film, wo keiner mit rechnet". Letzteres wollte die Fangemeinde wohl am wenigsten, und so musste Herbig mit dem ersten "wirklich demokratischen Film" auf "Traumschiff"-Reise gehen. Da der Anfangsbuchstabe alsbald bröckelte, konnten die Weiten des Weltalls zur bombastischen Spielwiese für das übliche tuntige Gezanke der vertrauten Protagonisten werden. Herbig und Partner Christian Tramitz tauschten die ledernen Fransenhemde gegen die farbenprächtigen Trikots der "Enterprise"-Besatzung, um im Jahr 2304 als schwuler Käpt’n Kork und verhuschte Vulcanette Mr. Spuck ihr verbalerotisches Unwesen an der Bord der "Surprise" zu treiben, wobei die Vorbereitungen zur nächsten "Miss Waikiki Wahl" ihr eigentliches Anliegen sind. Zeitgleich wird die Erde von den Siedlern des Mars unter Führung des grausamen Regulators Rogul angegriffen, sodass die Regierung um Königin Metapha in der City of Government nur noch zwischen zwei gleichermaßen fatalen Entscheidungen wählen kann: bedingungslose Kapitulation oder aber die "Surprise" auf eine Zeitreise-Mission zu schicken. Vielleicht könnte diese im Jahr 2004 ja den Fund jenes Ufos verhindern, durch das die Menschheit neue Technologien entdeckte und so erst imstande war, den Mars zu besiedeln.

Das ist hübsch schräg um viele Ecken gedacht, und da das Science-Fiction-Ambiente stilecht und mit außergewöhnlichem Aufwand sowie (computer-)technischem Knowhow nachgebildet wurde, staunt man nicht schlecht: Die Serien-Trivialität von "Star Trek" dient zur schlichten, aber effektvollen Verballhornung einschlägig vertrauter Handlungschiffren zwischen Kommandobrücke und Beam-Raum, während Weltraumkämpfe und irdischer Regierungsrat perfekte "Star Wars"-Imitate sind. Hans-Michael Rehbergs Imperator-Darstellung ist dabei ebenso verblüffend wie die Leistung von Rick Kavanian, dem als sächselnder Jens Maul nicht nur eine höchst amüsante Darth-Vader-Parodie gelingt, sondern der in Gestalt der Crew-Mitglieder Schrotty und Pulle seinen Blödel-Partnern glatt die Show stiehlt. Hinzu gesellen sich Til Schweiger als cooler Sprücheklopfer Rock, der dem gezierten Gehabe der "Surprise"-Mannschaft virile Männlichkeit zwischen Harrison Fords Han Solo und Bruce Willis" Taxiflieger aus "Das fünfte Element" (fd 32 718) entgegenstellt, und Anja Kling als schöne Königin Metapha, sodass ein recht illustres Team durch diverse Zeitreise-Fallen und muntere Gesangseinlagen stolpert. Zunächst landet man im Mittelalter, um sich der derberen Spielart von (Turnier-)Kampf und Kalauer hinzugeben, strandet dann wieder einmal im Wilden Westen, um zitatenreich eine Art Prequel vom "Schuh des Manitu" zu kreieren, bevor es im Jahr 2004 zum Finale kommt, das der anrührenden Opferbereitschaft von Mr. Spuck bedarf – denn dass er ausgerechnet jene 76,375 kg wiegt, die dem Übergewicht auf dem Zeitreisesofa entsprechen, führt zu einem Moment wahrlich höchster Dramenkunst. Dies ist einer der ganz wenigen eigenständigen Momente des Films, der ansonsten nie selbst schöpferisch ist, sondern bestenfalls rekreativ vorgefertigte Genre-Muster aufgreift, zitiert und parodiert, mit Kalauern und trivialster Blödelei anreichert und genüsslich durch den Kakao zieht. Alles in allem bleibt Bully Herbig dem Konzept seines Erfolgsfilms treu: gedanklich lieber tieffliegen als abheben, lieber die Fangemeinde bedienen als sich dem Risiko des Neuen ausliefern. Statt einem narrativen Zentrum schafft Herbig die übliche Szenenfolge aus Gags und Liedern, sodass die naive Posse einmal mehr das Publikum polarisieren wird. Sein Humor bleibt dabei eine Gratwanderung: das lustvolle Ausspielen exaltierten Schwulseins streift häufig diffamierende Klischees, wenn diese auch durch die verspielte Kindlichkeit der Gags gemildert werden. Andererseits taugt solch "exzentrische" Lebenshaltung durchaus, um politischen Autoritäten und Machtgehabe den Narrenspiegel vorzuhalten – was freilich ebenso beiläufig und scheinbar unabsichtlich geschieht wie in einer Heinz-Erhardt-Posse der 1960er-Jahre. Herbigs überbordende Nummern-Revue lässt weder Maß noch satirische Schärfe erkennen, bezieht gerade aus dieser "Absichtslosigkeit" doch einen gewissen Charme.

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