Madame Dubarry

Madame Dubarry

Deutschland 1919, Spielfilm

Le premier film allemand


Jacques Piétrini, La Cinématographie Française, Nr. 9/1920, zit. nach Lichtbild-Bühne, Nr. 15, 10.4.1920 (dort in einen Kommentar eingebettet unter dem Titel "Madame Dubarry – ein deutscher Sieg", Anm. d. Red.)


(...) Die französische Geschichte von "Boches" in die Sprache der Boches übersetzt! Die graziöse und leichte Epoche Ludwig XV., wieder erweckt durch die Herren vom Sauerkraut mit ihren kleinen runden Augen und ihren schweren Bäuchen! Die Heldenzeit unserer Revolution rekonstruiert durch diejenigen, denen man erst gestern den Stiefel in die Weichen stoßen mußte, damit sie sich eines einarmigen Hohenzollern entledigten! Ich weiß, daß die Pariser Filmwelt bei der Ankündigung dieses Beweises der teutonischen Lebenskraft nur die Achseln zucken und sagen wird: "Meinetwegen! Da ja für zwei Jahre die Boches-Films von dem Markt verbannt sind!" Ist das aber die richtige Politik und kann man sagen, daß die deutschen Films nicht existieren, weil sie nicht bei uns gezeigt worden sind? Nachdem ich die "Madame Dubarry" von der Union in Berlin gesehen habe, bedauere ich diesen patriotischen Entschluß unserer Theaterdirektoren, und ich frage mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn dieser Film – der wirklich ein großer Film ist und in der Kunst der Filmwand eine hochzuschätzende Arbeit bedeutet – in Paris vorgeführt worden wäre, wo er ziemliches Aufsehen erregt hätte.
Daß ein Volk, dem wir soeben eine blutige Niederlage beigebracht haben, daß Leute, deren Moral erschüttert war, in weniger als einem Jahr nach dem Waffenstillstand einen derartigen Film hergestellt haben, der so wertvoll ist wie der, der jetzt den Italienern gezeigt wurde, das beweist, daß die Kinoindustrie allen zugängig ist und daß es unwahrscheinlich ist, daß wir nicht an die erste Stelle gelangen. Es ist unerläßlich, daß in Frankreich sich diejenigen, die sich irgendwie für den Film interessieren, ebenso alle diejenigen, die Millionen in diese Industrie hineingesteckt haben und alle diejenigen, die sich mit dem allgemeinen Wohlstand des Landes beschäftigen, sich darüber klar werden, daß das besiegte, verschuldete, von Rohmaterialen entblößte, entwertete Deutschland, sich mit allen Kräften in die Filmindustrie hineingeworfen hat, und sich so ein Mittel geschaffen hat, um den Weltmarkt zu bedrohen.

Man muß zugeben, daß die Sache sehr geschickt gemacht wurde unter der Flagge einer historischen Wiedererweckung. Der "Herr Doktor", der das Manuskript geschrieben hat, hat seine Sache sehr gut gemacht. Der ganze Film ist so hergestellt, daß man ein Frankreich sieht, welches ausgeraubt und wehrlos an den Lippen einer Dubarry hängt, die bis zur Proportion eines kleinen Ladenmädchens verkleinert ist. Das Land wird regiert durch einen Ludwig XV., der von zweifelhaften und unsauberen Edelleuten umgeben ist. Was die französische Revolution und die Erstürmung der Bastille betrifft, so werden diese Episoden von der Figur der Dubarry beherrscht. Weil also eine Frau einem König etwas Leidenschaft einflößen konnte, hat das französische Volk der Welt die Ära der Frau eröffnet.

So ist die "Madame Dubarry", wie sie die Union aus Berlin in Rom mit Beifall überschütten ließ, denn dieser Film hat einen noch nie dagewesenen Erfolg gehabt. Die historische Wahrheit ist getreu respektiert worden und der Film erlaubt sich in der Beziehung nur wenig Freiheiten. Der Trick ist einfach der, nur einen kleinen Ausschnitt aus der Geschichte zu zeigen und den Rest wegzulassen. Auf diese Weise und auch mit Hilfe der gewöhnlichen Schnitte kommt man vom Tode Ludwig XV. ohne Übergang zur Eroberung der Bastille und einer der größten Momente der französischen Geschichte wird so auf das Ausmaß eines sexuellen Abenteuers herabgedrückt.

Der ganze Film ist um so gefährlicher, als die Ausführung, abgesehen von einigen Irrtümern, bewundernswert ist. Man muß ihn studieren, sowohl vom technischen als auch vom theatralischen und künstlerischen Standpunkt aus und man wird immer finden, daß der Dubarry-Film der Union aus Berlin sich als ein schöner Film darstellt, von dem es allerdings übertrieben ist, wenn man sagt, daß er den Wert von "Cabiria" erreicht, aber dessen Qualitäten man nicht ableugnen kann. Der Film ist szenisch sehr gut gegliedert. Der Zuschauer ist immer interessiert und atemlos gespannt. Die Bewegungen der Masse sind in dem ganzen letzten Teil einwandfrei geregelt. Der Sturm auf die Bastille und die Hinrichtung der Dubarry bieten schöne und mächtige Bilder.

Bei genauerer Betrachtung jedoch – ich habe mir den Film zweimal angesehen – schwächt sich der erste Eindruck fühlbar ab. Die Schauspieler, deren Spiel im allgemeinen sehr nüchtern und einstudiert ist, erscheinen deplaziert. Das sind Deutsche, und wie sehr sie sich auch Mühe gegeben haben mit der Nachahmung, sie haben nichts von dieser Grazie und Weichheit, welche die ganze Epoche Ludwig XV. charakterisieren und für die lateinische Rasse typisch sind. Im Gegensatz dazu hat Fräulein Pola Negri, welche die Rolle der Dubarry spielt, eine nicht nur bemerkenswerte, sondern auch durchdachte und des Lobes würdige Leistung vollbracht. Man versichert mir freilich, daß sie keine Deutsche ist, sondern Italienerin. (Falsch: Pola Negri war Polin)

Nach diesem ersten Erfolg künden uns die Deutschen mit großen Reklametiteln eine nach dem Roman von Prosper Mérimée hergestellte "Carmen" an, ein "Veritas vincit", das eine historische Trilogie zu sein scheint, und eine "Austernprinzessin", deren Titel nicht des Geschmacks ermangelt. 200 andere Filme sollen unmittelbar hinterher auf den italienischen Markt geworfen werden und alles wird zu Preisen angeboten, die jeder Konkurrenz spotten. (...)