Lautlos

Lautlos

Deutschland 2002-2004, Spielfilm

Lautlos


Rolf-Rüdiger Hamacher, film-dienst, Nr.9, 29.04.2004

Die Geschichte vom Profikiller, der den größten Fehler begeht, den man in diesem Beruf überhaupt begehen kann, ist nicht neu: Schon Alan Ladd wurde 1941 in „Die Narbenhand“ (fd 1 489) die Liebe zum Verhängnis, ebenso Dougray Scott in der vorletzten Variation des Themas, in „The Poet“ ( fd 36 230) von Paul Hills. Dass sich nun ein junger türkischstämmiger Deutscher mit seinem Spielfilmdebüt ans schwierige Genrekino wagt, löst zunächst Neugier aus. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Drehbuch von einem weiteren Debütanten, dem Filmkritiker Lars-Olav Beier, stammt, der als Liebhaber des amerikanischen Genrekinos gilt. Die brillant inszenierte Eröffnungssequenz nährt dann auch diese Hoffnung. Trotz einer „verwanzten“ Wohnung gelingt es dem Auftragskiller Viktor, einen von seinen eigenen Kollegen observierten Undercover-Ermittler unbemerkt zu erschießen. Als er im Schlafzimmer hinter der Tapete einen brisanten Brief entdeckt, summt die im Bett liegende Geliebte des Opfers ein Lied im Schlaf, das den Killer mitten ins Herz trifft und die bereits zum Schuss erhobene Pistole wieder einstecken lässt. Als Nina am Morgen darauf endlich aus dem Polizeiverhör entlassen wird, folgt er ihr und rettet ihr Leben, als sie durch den Sprung von einer Brücke Selbstmord begehen will. Die beiden in ihrer Einsamkeit verwandten Seelen nähern sich behutsam an, ohne viel von sich preiszugeben. Vor allem Viktor verschweigt ihr seine Vergangenheit, die sein Gegenspieler, Kommissar Lang, immer mehr enttarnt: Als Neunjähriger hatte er den Mörder seiner Eltern erschossen und war dann mit Hilfe eines Kriegkameraden seines Vaters untergetaucht, der ihn später zum Killer ausbildete. Jetzt soll er einen letzten Auftrag seines im Sterben liegenden „Gönners“ Hinrich erfüllen: einen nur drei Tage in der Stadt weilenden russischen Politiker zu eliminieren. Doch auch Viktor ist ins Visier von Hinrichs Hintermännern geraten, weil er durch seine Liebe zum Sicherheitsrisiko geworden ist. Als Nina während des Attentats seine wahre Identität entdeckt, ist er einen Moment versucht, auch sie zu erschießen, entscheidet sich dann aber für einen ungewissen Neuanfang. Jetzt gilt es nur noch, Kommissar Lang auszutricksen, der kurz vor dem Zugriff steht.

Leider erfüllen auf die Dauer nur der Kameramann und die Darsteller die anfangs geschürten Erwartungen. Torsten Lippstocks meist mit langen Brennweiten aufgenommenen CinemaScope- Bilder varieren geschickt die Tiefenschärfe, um den Blick des Zuschauers zu lenken, und wirken zudem in ihrer Licht- und Farbdramaturgie anregend stilisiert, sodass oft weder eine räumliche noch geografische Wirklichkeit auszumachen ist. Joachim Król, der für seine Rolle etliche Pfunde verloren hat, lässt eine neue Facette seines schauspielerischen Könnens aufblitzen und macht damit seine Brunetti-Rolle in den Donna-Leon-Krimis vergessen. Er spielt nicht nur gegen sein Klischee an, sondern bedient es bisweilen auch augenzwinkernd, wenn er mit biederer Portiers- oder Beamtenmiene durch die Flure huscht. Hätte das Drehbuch die Rolle Nadja Uhls als Nina ähnlich unterfüttert, hätte sie Król mit Sicherheit Paroli bieten können. So aber sie Nadja Uhl nur für intellektualisierte „Kunstdialoge“ zuständig („Ich konnte es mir nicht mehr nehmen.“ – „Was?“ – „Das Leben. Es war schon weg.“) Diese Reduzierung schränkt die Glaubwürdigkeit ihrer Liebe ein; genauso wie die Macken des von Christian Berkel mit kraftvoller Präsens gespielten Kommissars nur vorgeführt, aber nicht erklärt werden. Unter solcher Nachlässigkeit leiden alle Nebenfiguren, die auch von der Unerfahrenheit des Regisseurs zeugt, der die Schwäche des Vorlage so wenig auszugleichen weiß wie deren dramaturgische Ungereimtheiten. Vielleicht hätte ein opulenteres Produktions-Design oder eine dynamischere Inszenierung solche Fragen erst gar nicht aufkommen lassen. Doch die sich bedingende Unterfinanzierung und Stilisierung legen manchmal das „Skelett“ des Films frei, das dann seine Mängel nicht mehr verbergen kann, wie den mit Elektronik „verfeinerten“ Soundtrack, der mit John-Carpenter- und Tom-Tykwer-Anleihen Sand ins dramaturgische Getriebe streut. Dennoch bleiben von „Lautlos“ Bilder im Kopf – und das will im deutschen (Genre-)Kino was heißen.