Lautlos

Lautlos

Deutschland 2002-2004, Spielfilm

Lautlos

Ein deutscher Thriller von Mennan Yapo mit Joachim Król


Anke Sterneborg, epd Film, Nr. 5, 02.05.2004

Unsichtbar und "lautlos" bewegt sich der Killer unter den Augen der Überwachungskameras und den Mikrofonen der Abhörspezialisten. Er hat sich präzise vorbereitet, die toten Winkel in der Wahrnehmung und die Löcher im Klangteppich sorgfältig ausgelotet. Nichts ist dem Zufall überlassen: Das Glas, das dem Opfer aus der Hand gleitet, fällt weich in die Erde des Blumenkastens, den Fall des zusammensackenden Körpers fängt der Mörder mit einem Griff ab.

Es ist immer wieder ein besonderes Vergnügen, im Kino den großen Perfektionisten des Verbrechens zuzusehen, zu beobachten, wie sie unter schwierigsten Bedingungen zum Ziel kommen, und es ist immer noch eine Besonderheit, wenn das auch mal im deutschen Kino passiert. Joachim Król spielt diesen Viktor, und es ist faszinierend, die Verwandlung zu sehen, der er sich in einem sechsmonatigen, rigiden Körpertraining unterzogen hat Nach all den zögernden und zagenden Erben, Liebenden und Schriftstellern, in Filmen wie Detlev Bucks "Wir können auch anders", Tom Tykwers "Tödliche Maria", Helmut Dietls "Rossini" oder Sönke Wortmanns "Der bewegte Mann" ist es großartig, ihn in einer derart physischen Rolle zu sehen, als kühl kalkulierenden, zielstrebigen Killer. Umso glaubwürdiger ist dann sein Wanken, als er durch unerwartete Gefühle aus dem Takt gerät.

Bei Viktor genügt ein einziger Blick auf eine schlafende Frau, im Bett seines letzten Opfers. Statt sie zu töten, schaut er sie an, lauscht ihrem im Schlaf gesummten Lied, und plötzlich ist es, als würde ein engelsgleiches Licht in die Hölle seiner einsamen Killerexistenz scheinen. Eigentlich müsste er sie auch töten, doch er verschont sie, und am Tag darauf rettet er ihr sogar das Leben, als sie von einer Brücke in den Fluss springt. Die Art, wie Viktor dieser blonden Frau gegen seinen Verstand aus einem geradezu zwanghaften inneren Impuls folgt, erinnert an Hitchcocks "Vertigo", und Nadja Uhl kann sich durchaus sehen lassen in der Nachfolge mysteriöser Frauengestalten. Unter ihrem Einfluss macht Viktor Fehler, die die Aufmerksamkeit des Profilers von der Polizei auf sich ziehen, den Christian Berkel mit souverän magnetischer Präsenz spielt, wie eine Weiterentwicklung des Militäragenten im Modellgefängnis von Oliver Hirschbiegels "Experiment".

Einen schönen Kontrast bildet die schamlos romantische Liebesgeschichte zum harten Thriller, als der das Filmdebüt von Mennan Yapo beginnt. Nach "Tattoo" von Robert Schwentke ist "Lautlos" der zweite aufregende deutsche Versuch, einen atmosphärisch dichten, spannenden Thriller zu drehen und sich zumindest ein Stück weit von dem in diesem Terrain übermächtigen amerikanischen Vorbild zu befreien. Um sich allerdings ganz unmittelbar in die Action zu stürzen, ist auch eine gewisse naive Unschuld nötig, die in Deutschland noch immer schwer zu haben ist. Mennan Yapo und der "Spiegel"-Filmkritiker Lars-Olav Beier, der das Drehbuch nach einer Idee des Regisseurs geschrieben hat, überlassen nichts dem Zufall und sind darin ihrem Helden durchaus ähnlich. Schade ist nur, dass man das immer wieder spürt; fast wünschte man sich, dass auch sie sich mal gehen lassen könnten wie Viktor. So wirkt der Film, ähnlich wie "Tattoo", immer wieder ein bisschen zu stilisiert, die düster stimmungsvollen Orte sind spürbar arrangiert, die Dialoge sagen einen Hauch zu viel, und manche kriminalistische Wendung scheint allzu konstruiert. Statt sich selbstverständlich ins Gesamtbild zu fügen, ziehen all diese Details immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich. Trotzdem ist "Lautlos" so faszinierend, dass man immer wieder zurückfindet zu seinen traurigen Helden.