Absolute Giganten

Absolute Giganten

Deutschland 1998/1999, Spielfilm

Absolute Giganten


Claus Löser, film-dienst, Nr. 20, 28.09.1999

Als für Johannes die Bewährungszeit abgelaufen ist, hält ihn nichts mehr in Hamburg. Er kündigt seinen Job im Städtischen Krankenhaus und heuert in bester hanseatischer Tradition auf einem Schiff mit überseeischer Route an. Allerdings gibt es da ein Problem: Wie soll er Ricco und Walter, seinen besten Freunden, diesen einschneidenden Entschluss mitteilen? Jahrelang hatte er mit ihnen fast jede freie Minute geteilt; ohne Zweifel würden sie enttäuscht, ja erbost über seinen Fortgang sein. Johannes, der innerhalb des Trios Floyd genannt wird, ist im Gegensatz zum quirligen Ricco und zum eher behäbigen Walter ein introvertierter Jugendlicher. Mitunter führt er eine Gitarre spazieren, Insignie des "Lonesome Riders“, der unweigerlich aus seiner Umgebung ausbrechen wird. Nach dem Geständnis des Fortgangs herrscht bei den Freunden zunächst Fassungslosigkeit, sie sind gekränkt und werfen Johannes/Floyd Arroganz vor. Wenig später ist die Irritation weitgehend verflogen, und es wird der legendäre letzte gemeinsame Abend geplant. Floyds Schiff legt am nächsten Morgen ab, und so begleitet die Kamera das Trio bei ihrer letzten gemeinsamen Reise durch das nächtliche Hamburg. Alles ist drin: der Elbtunnel, St. Pauli, Hans Albers, Drogen, Verfolgungsjagden, Potenzgerangel, zwischengeschlechtliche Missverständnisse, Gewalt, ein Unfall nebst Rettung in letzter Sekunde. Zuletzt besteigt Floyd seinen Überseedampfer, lässt die schlafenden Freunde am Ufer zurück.

Die Botschaft ist klar: Für keinen der Beteiligten kann nach dieser Nacht der Alltagstrott unbeeindruckt weitergehen. Unwillkürlich erinnert die Grundkonstellation von Sebastian Schippers Debüt an die von "American Graffiti“ (fd 18 996). Symbolhaft steht hier wie da die letzte Nacht des Helden in seiner angestammten Umgebung für die Abnabelung von geburtsbedingten Zusammenhängen. Die zu bestehenden Prüfungen stellen moderne Variationen archaischer Initiationsrituale dar. Erst ihre Bewältigung markiert das Ende der Kindheit und führt zur nicht mehr umkehrbaren, durchaus ambivalent empfundenen Aufnahme in den Zirkel der Erwachsenenwelt. Doch im Gegensatz zu George Lucas gewährt Schipper seinem Helden keinerlei Entwicklungs-spielraum. Floyd wird als Typ, nicht als Charakter entworfen und verbleibt bis zuletzt in diesem Stadium. Sein Rehblick, die Gitarre und einige Off-Monologe ersetzen die Persönlichkeitszeichnung. Dass man weder Details über seine Herkunft erfährt noch Gründe, die einst zu seiner Verurteilung geführt haben, ist dabei weniger von Belang; als Mangel machen sich fehlende Metamorphosen bemerkbar: Das ihn umgebende und während der gesamten Zeit stabil bleibende Geheimnis legt nahe, dass Floyd in seinem persönlichen Erkenntnisprozess bereits weiter ist als seine Altersgenossen. Was er im Rahmen der Filmhandlung erlebt, bestätigt seine Weltsicht, krempelt sie aber nicht um. Deshalb bleiben die Abenteuer im Anekdotischen haften, transformieren sich nicht zu wirklichen psychologischen Erschütterungen. Eine Karthasis vollzieht sich anhand der Figur nicht, kann sich nicht vollziehen. Anstatt die Handlungsmomente in den Dienst einer immer differenzierter werdenden Charakterisierung zu stellen, entfernt sich die Perspektive zunehmend. Zu viel Erzählzeit wird an Attraktionsmomente verschenkt, die vom Plot eher ablenken als ihn unterfüttern. So kann sich der Regisseur in seine Kladde eintragen, die spektakulärste Tischfußball-Szene der Filmgeschichte inszeniert zu haben – aber warum nur dauert sie viele Minuten lang? Auch im Umgang mit der Musik neigt die Inszenierung zu Ungleichgewichten. Der Held selbst kommentiert dies unfreiwillig: "Es müsste immer Musik da sein. Wenn es so richtig Scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da.“ Neben einem sehr schönen, atmosphärisch-eindringlichen Thema (das verdächtig an ein Stück der wegweisenden britischen Band "This Heat“ erinnert) gibt es eine Reihe von kurzen, modischen Nummern, denen die visuelle Gestaltung kurzerhand untergeordnet wird. Der Spielfilm wird dann zwischenzeitlich zum Videoclip, ohne dass es dafür einen erzählstrategischen Grund geben würde.

Trotz alledem liegt "Absolute Giganten“ dennoch über dem Durchschnitt der hiesigen Filmproduktion. Vor allem Bildgestaltung und Besetzung weisen den Regisseur als filmisches Talent aus. Immer wenn er sich wirklich auf die Persönlichkeit seiner Hauptfigur konzentriert, gewinnt der Film an Tiefe. Vom künstlerischen Gesamtentwurf her erreicht Schippers Erstling noch nicht die Klarheit und Komplexität des thematisch verwandten "Das Leben ist eine Baustelle“ (fd 32 448), lässt aber unbedingt auf weitere Arbeiten hoffen.

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24.06.2010 | 13:19 Uhr

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