Christian Petzold

Christian Petzold

Darsteller, Regie, Regie-Assistenz, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Ton, Sonstiges
*14.09.1960 Hilden

Das Kino als Versuchsanordnung

Ein Werkstattgespräch mit dem Regisseur Christian Petzold



Stefan Reinecke, epd Film, 02.10.2003

Christian Petzold ist ein Shooting Star unter den bundesdeutschen Regisseuren. Mit den Fernsehproduktionen "Pilotinnen" (1995) und "Cuba Libre" (1996) avancierte Petzold, der auch Filmkritiken (unter anderem für epd Film) geschrieben hat, zu einem Geheimtipp der Festivalszene. "Cuba Libre" erzählt eine Rachegeschichte voller Verrat und Täuschung und vom Versuch, die Vergangenheit rückgängig zu machen. Bekannt – und mit Preisen überhäuft – wurde Petzold dann mit "Die innere Sicherheit" (2000), der Geschichte eines alternden Terroristenpaares und ihrer Tochter, die die jahrelange Flucht in Gespenster der Vergangenheit verwandelt. Es werden nicht Meinungen, Ideologien verhandelt, sondern Erfahrungen. Es folgten "Toter Mann" (2002) und "Wolfsburg", kühl inszenierte Melodramen, in denen filmhistorische Vorbilder anwesend sind und die doch einen eigenen Stil entwickelt haben. "Wolfsburg", der im "Panorama" der Berlinale 2003 Premiere hatte, startet am 25.9. in den Kinos, eine Kritik finden Sie auf S. 42.

Ich treffe Christian Petzold in einem Café in Berlin-Kreuzberg, neben dem Eiszeit-Kino. Er wohnt in Kreuzberg 36. "Hier spielt das soziale Leben auf der Straße", sagt er. Anders als dort, wo er aufgewachsen ist, in einer "dieser Kilometerpauschale-Vorstädten, in denen sich die Menschen in Reihenhäusern verbergen". Darum geht es auch in "Wolfsburg". Vielleicht gibt es derzeit keinen zweiten Regisseur, der so intensiv wie Petzold versucht, Geschichten und Bilder zu finden, die die Jetztzeit der Bundesrepublik beschreiben.

"Wolfsburg" erzählt von einem Mann, der ein Kind totfährt, Fahrerflucht begeht, und davon, wie diese Tat sein Leben ändert. In "Toter Mann" geht es um ein zurückliegendes Verbrechen, das eine Frau rächen will.
Warum interessieren Sie sich so sehr für Schuld?


Die Schuld interessiert mich weniger als die Arbeit, die es macht, aus der Schuld wieder herauszukommen. Es geht dabei um einen Art Ökonomie: Eine Wunde ist der Gesellschaft, dem Gesetz, einem Individuum zugefügt worden, und durch Bewegung wird sie wieder geschlossen. Es geht mir nicht um metaphysische Schuld, sondern darum, die Sühnearbeit zu zeigen.

"Wolfsburg" stellt eine ähnliche Frage wie "Der Felsen" von Dominik Graf: Wie sind existenzielle Erfahrungen in diesem Angestelltenmilieu, in dem wir leben und in dem alles geregelt ist, möglich? Und was passiert, wenn die Ordnung zerbricht? In "Wolfsburg" scheint der Autoverkäufer Philipp, dargestellt von Benno Fürmann, erst durch diese Tat ins Leben zu kommen.

Mir kam es darauf an, von einer Katastrophe zu erzählen, aber die übliche Dramaturgie zu vermeiden. In der würde eine mehr oder weniger karikierte Normalität geschildert werden, dann folgt die Flut oder das Erdbeben, und dann die Bewährung, in der sich zeigt, dass die Hure, von der man es nun wirklich nicht erwartet hätte, das Herz am richtigen Fleck hat. Also: Normalität, Katastrophe, Katharsis – das hat mich nicht interessiert. Deshalb geschieht die Katastrophe gleich am Anfang. Ich wollte zeigen, wie jemand reagiert, der glaubte, dass er sicher ist. Er fährt nach Hause in seinen Bungalow, er legt den Autoschlüssel dorthin, wo er ihn schon immer hingelegt hat, aber in der Wohnung ist er schon ein Fremdkörper. Das Leben beginnt schon, ihn auszuscheiden.

"Ich will keine moralischen Filme machen"

Der Bungalow ist sehr ordentlich, es ist alles an seinem Platz, gediegen, geschmackvoll. Bei Laura, der Mutter des toten Jungen, von Nina Hoss dargestellt, sieht es anders aus, unaufgeräumter, normaler. Man sieht IKEA-Möbel, die man selbst zu Hause hat. Es passiert selten im Kino, dass man Dinge sieht, die man selbst hat.

Das ist für die Schauspieler schwerer zu spielen, wenn es so aussieht wie bei ihnen zu Hause, wenn das Telefonbuch vollgekritzelt ist etc. Es ist vielen zu privat. Wenn ich Schauplätze suche, dann keine, die das Bild reicher machen und production value hinzufügen. Ich versuche, Orte zu finden, an denen die Schauspieler nicht nur Vordergrund sind und die Orte Kulisse, sondern solche, an denen es einen Austausch dazwischen gibt.

Warum eigentlich "Wolfsburg" – und nicht eine andere Stadt, die als Chiffre für Provinz verstanden würde?

Weil ich keine andere Stadt kenne, in der die Geschichte der Bundesrepublik so verdichtet an der Peripherie zu finden ist: die Spuren der Nazis, die Modernität, und im Zentrum VW. Mir ging es darum, eine bestimmte bundesrepublikanische Daseinsform zu zeigen, für die der Bungalow und das Autohaus charakteristisch sind. Ich bin in so einer Vorstadt groß geworden, die es auch in Wolfsburg gibt. Mit einem aufgeräumten Garten, dem Wohnzimmer mit dänischen Möbeln und später im Bauhausstil. Das ist der Versuch, Klarheit und Ordnung zu schaffen. So sollte auch dieser Bungalow aussehen, ohne ganz teure, edle Designerlampen, aber erkennbar der Versuch, Hedonismus und individuelle Freiheit zu leben. Und darin bricht die Schuld ein.

Wenn man es so erzählt, klingt es doch nach Lars von Trier.

Nein. Das ist mir zu moralisch. Ich verhandele Moral, aber ich möchte keine moralischen Filme machen.

Noch wichtiger als die Räume ist das Auto. Fast alles Wesentliche passiert dort oder geht von dort aus. In dem Moment, in dem Philipp, der Autoverkäufer, seinen Job verliert und zu Fuß geht, sieht er fast nackt aus.

Im Western ist das die Szene, in dem der Held sein Pferd verliert. Dann muss er den Sattel tragen, so wie Philipp in dieser Szene seinen Koffer. Ich habe mir für den Film viel Autoreklame angeschaut. Besonders charakteristisch fand ich eine Mercedes-Werbung, die einen Mann in Kairo zeigt. Es ist heiß, die Menschen bedrängen ihn, sie haben nicht die höfliche Distanz, die wir hier pflegen, sie rempeln und schubsen. Dann setzt er sich in das Auto, es wird ganz still und eine Schrift erscheint: Endlich zu Hause. Das ist die Idee des Lebens in der Bundesrepublik: einen Lebensraum schaffen, der nichts mehr mit der komplexen Außenwelt zu tun hat.

Das Auto ist ein Schutzpanzer?

Es gibt seit ein paar Jahren immer mehr Besonderheiten in Autos: Geruchsfilter, Pollenfilter, CD-Wechsler, Navigationssystem, Freisprechanlage. Das Auto wird zu einem völlig individualisierten Lebensraum. Es trennt den Fahrer von dem Außen: Drinnen ein Ich, draußen ein Film. Darum geht es in "Wolfsburg": um einen Mann, der die Autotür aufmacht und erkennen muss, dass die Windschutzscheibe nicht die Leinwand und der Soundtrack aus der CD-Anlage nicht echt ist.

Es gibt in "Wolfsburg" nur in einer Szene Musik. Am Ende, bei der Liebesszene an der Ostsee, in der das Fiasko schon beschlossene Sache ist. Warum?

Ich finde, Musik wird im deutschen Fernsehen als platter Versuch eingesetzt, Gefühle abzurufen. Ich hatte die Idee, dass, wenn diese Geschichte eine griechische Tragödie wäre, bei dieser Szene die Götter einschreiten würden. Es ist der Punkt, an dem die Geschichte von anderen zu Ende gebracht werden muss. Die Musik vermenschlicht die Szene nicht, sie verwandelt sie.

Am Ende stirbt der Autohändler, vielleicht. Er schaut in die Kamera und sagt: "B 248, Bad Salzungen". Die letzten Worte eines Autoverkäufers: Da ist eine Spur Satire drin. Ich glaube, Fassbinder hat mal über Chabrol gesagt, dass er auf seine Figuren schaut wie ein Forscher auf Insekten. Diesen harten Blick gibt es in "Wolfsburg" auch. Der Film ist ein Melodrama, aber kalt.

Der Film ist wie eine physikalische Versuchsanordnung. Er ist distanziert. Man ist in Deutschland ja umgeben von Filmen, die einen zur Identifikation treiben, die anschaffen gehen bei dem Mitgefühl der Zuschauer. Ich mag das nicht. "Wolfsburg" kann man kalt nennen, aber dann muss man auch jeden Western und Thriller der siebziger Jahre als kalt bezeichnen. Sogar ein Film wie "Die Drei Tage des Condor" mit Robert Redford zeigt sehr distanziert die Bewegung eines Mannes, der aus einem System heraus fällt. Und selbst die Liebesgeschichte zwischen Redford und Faye Dunaway sieht so aus, als hätte ein Physiker beobachtet, was bei diesem Liebesversuch herauskommt und dabei mal kurz die Heizung aufgedreht. Gerade diese distanzierten Filme ermöglichen aber eine komplexere Form von Mitgefühl als das therapeutische Mitgefühl, das deutsche Filme meist produzieren.

Haben sie bei der Szene, in der Nina Hoss in den Fluss fällt und von Benno Fürmann gerettet wird, an Hitchcocks "Vertigo" gedacht?

Na ja, ich denke eigentlich immer an Vertigo (lacht). Der Fluss ist der Mittellandkanal. Das ist der Grund, warum die Nazis dort Wolfsburg gebaut haben, eben weil es an diesem günstigen Transportweg liegt. Dieser Kanal teilt Wolfsburg in die Produktions- und die Lebens- und Einkaufssphäre. Und an dieser Grenze geht sie ins Wasser. Das war meine Idee, auch wenn man das nicht erkennt.


"Nicht anschaffen gehen bei den Zuschauern"

Harun Farocki hat bei Ihren Drehbüchern mitgearbeitet, Sie haben mit Hartmut Bitomsky gearbeitet. Sind das Ihre Vorbilder?

Ja. Als ich 18, 19 Jahre war, bin ich fast jeden Abend ins Kino gegangen. Damals ist mir die Zeitschrift "Filmkritik", in der Farocki und Bitomsky geschrieben haben, in die Hände geraten. Das hat mich beeindruckt, weil die Texte Fragen an die Bilder stellten und so eine Struktur in mein cinephiles Chaos brachten. Später kamen die Seminare bei ihnen in der Filmakademie dazu, die noch immer so etwas wie Highlights in meinem Leben sind. Das hat Blicke geschärft.

Bitomsky hat den Dokumentarfilm "Der VW-Komplex" gedreht, der zeigt, was in "Wolfsburg" fehlt: das VW-Werk.
Hat Bitomskys Film Sie beeinflusst?


Ja, klar. Ich habe als Assistent von Bitomsky in Wolfsburg gearbeitet, allerdings bei dem Architekturfilm über Hans Scharoun. Den "VW-Komplex" hat das ganze Team gesehen. Es gibt darin eine Szene, die ich wichtig fand: Zählpunkt 8. Das ist der Ort, an dem das Auto fertig montiert ist und nun den Händlern oder Autozügen zugeordnet werden muss. Es muss noch 100 Meter bewegt werden, es wird ein Liter Benzin in den Tank eingefüllt und die unqualifizierte Arbeit, das Auto diese 100 Meter zu fahren, machen Frauen. Zurück gehen sie zu Fuß. Und diese Strecke gehen sie wie auf einem Laufsteg – als ob sie dieser würdelosen, unqualifizierten Arbeit etwas abgewinnen wollten. An dieser Stelle setzt Bitomsky Musik ein. Das haben sich die Schauspielerinnen angeschaut, die Arbeiterinnen oder Dienstleisterinnen zu spielen hatten. Wie geht man in einem Supermarkt, wenn man gerade nichts zu tun hat?

Das ästhetische Kennzeichen von "Die Innere Sicherheit", "Toter Mann" und "Wolfsburg" ist die Beschränkung von Musik, der Gefühlsregungen der Schauspieler, der Verzicht auf viele Inszenierungsmittel des psychologischen Realismus. Die Geschichten verhandeln die klassischen, großen Themen des Melodramas, Liebe und Tod, aber mit kleinen, reduzierten Mitteln.

Deshalb ist Stefan Raab furchtbar und Helge Schneider gut. Weil Raab die Melogefühle nur karikieren kann und Helge Schneider aus einem Schlager noch die Trauer und das Sentiment, die darin verborgen sind, freilegen kann. In Melodramen stecken Stoffe, die man richtig bearbeiten muss. Das versuche ich.

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