Dani Levy

Dani Levy

Darsteller, Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent
*17.11.1957 Basel, Schweiz

Komödie ist schnelle Realität

Regisseur Dany Levy über seinen Film "Alles auf Zucker" und die jüdische Gemeinden in der ehemaligen DDR.


Katharina Dockhorn, Film Echo, Nr. 51/52, 18.12.2004


Zum Inhalt: Dem schlitzohrigen Zocker Jaeckie Zucker (Henry Hübchen) steht das Wasser bis zum Hals – seine Frau (Hannelore Elsner) droht ihm mit der Scheidung, der Gerichtsvollzieher mit dem Knast. Letzte Hoffnung des Ex-DDR-Sportreporters: das Erbe seiner Mutter. Doch die verlangt in ihrem Testament, dass Jaeckie sich mit seinem Bruder Samuel (Udo Samel) versöhnt, einem orthodoxen Juden. Welten prallen aufeinander, als Samuel mit seinem ganzen Familienclan in Jaeckies chaotischem Haushalt anrückt – doch die beiden verfeindeten Sturköpfe haben keine Wahl: Sie müssen sich zusammenraufen...

Filmecho: Wie kam es zu der Idee, eine Komödie zu inszenieren?

Dany Levy: Ich hatte selbst das Bedürfnis nach einer Komödie, mit der ich an meine ersten Filme anknüpfen konnte. "Alles auf Zucker" hatte ich parallel zu den Arbeiten an "Meschugge" begonnen, weil ich eine Komödie mit dem Personal einer Tragödie machen wollte. Mit Figuren, die nicht unter ihrem Schicksal leiden, sondern wie Jaeckie Zucker sagen: „Ich stehe bis zum Hals in der Scheiße, aber der Ausblick ist gut."

Filmecho: Das wird von Schauspielern getragen, die man lange nicht in solchen Rollen gesehen hat.

Levy: Als Henry Hübchen zum Casting kam, habe ich sofort erkannt, dass er der geborene Spieler ist, verschmitzt, etwas verschlagen, jemand, bei dem man nicht so richtig weiß, woran man ist. Er probiert schamlos aus, ist sehr körperlich und wunderbar anrührend – jemand, dem man einfach gerne zuguckt, weil er so leidenschaftlich ist. Hannelore Elsner und er haben sich am Anfang auch ganz skeptisch betrachtet. Der Ostberliner Theaterstar gegen die Münchner Fernseh-Lady – das sind Welten, die zwischen ihnen liegen. Aber als Ehepaar gab das irgendwie ein ganz tolles Erotikum, weil sie sich auch sehr mochten.

Filmecho: Nicht zuletzt beeindruckt der Film durch das hohe Tempo...

Levy: Holger Franke und ich haben auch vier Jahre lang daran gearbeitet! Das war ein Riesenspaß, sich eine Geschichte mit so viel Tempo auszudenken, die man immer noch weitertreiben musste. Diese Form von psychologischem Familienporträt und einer klassischen Komödiensituation, in der jemand auf mehreren Hochzeiten tanzen und dabei Hindernisläufe bewältigen muss, durften wir uns erst erarbeiten. Das macht dann die Dynamik und die Geschwindigkeit einer Komödie aus, bei der ich mich nach der Faustregel richtete: Komödie ist Realität 20 Prozent schneller.



Filmecho: Mussten Sie Ihren Inszenierungsstil ändern?

Levy: Ich musste die Schauspieler manchmal richtig antreiben. Figuren einer Komödie sollen schlagfertig sein. Der nächste Satz muss stets wie aus der Pistole geschossen kommen. Henry hat manchmal zu bedenken gegeben, das könne man nicht so schnell spielen. Wir haben uns dann zusammen "Eins, zwei, drei" angesehen. Ich glaube auch, es war nicht schlecht, dass wir den Film in 24 Tagen abdrehen mussten, weil es dadurch schon im Produktionsprozess dieses Tempo gab. Manchmal haben wir zwei bis drei Szenen hintereinander durchgespielt. Dadurch konnten die Schauspieler einfach lustvoll loslegen.

Filmecho: Sie sagten, die Idee entstand parallel zu "Meschugge". Damals dachten schon einige, warum macht er keinen Film über Menschen jüdischen Glaubens vor der eigenen Haustür?

Levy: "Meschugge" war nur eine Option von vielen, wie man das deutsch-jüdische Verhältnis in einen Film packen könnte. "Alles auf Zucker" erzählt von Menschen zwei Generationen später, die von einer ganz anderen Familienvergangenheit eingeholt werden. Dahinter steht meine Erinnerung an Familienfeste mit ihrem ganzen Kuddelmuddel, der mit alten Konflikten und Geheimnissen zusammenhängt. Dann fand ich attraktiv, dass es eine Familie gibt, durch die wie durch das gesamte Volk ein Riss geht. Brüder, die sich in beiden Glaubenssystemen so fanatisch entwickelt haben, dass sie sich über diese Mauer hinweg nicht mehr gesehen haben und sich nicht mehr leiden konnten.

Filmecho: Trotzdem mussten Sie lange um diesen Film kämpfen.

Levy: Wir haben Absagen von Sendern mit der Begründung bekommen: „Wir machen keine Minderheitenprogramme". Natürlich sind 200 000 Menschen jüdischen Glaubens eine Minderheit. Wir sollten es aber nicht hinnehmen, dass dieses extrem angespannte Verhältnis zwischen Menschen jüdischen Glaubens und Deutschen anhält. Schließlich rührt es daher, dass die Mehrheit der Deutschen überhaupt keine Erfahrungen mit der Kultur und dem Leben von Menschen jüdischen Glaubens hat. Es bleibt in ihnen das Gefühl von absoluter Fremdheit, von etwas Unbekanntem, das auch angsteinflößend ist. Diese Unkenntnis schafft einen guten Boden für Antisemitismus und Rassismus jeglicher Art.

Filmecho: Mit der Geschichte bringen Sie nicht nur die Verständigungsprobleme zwischen Ost und West, sondern speziell einen Streit zwischen den Ost- und Westberliner jüdischen Gemeinden, der in den 90er Jahren für Schlagzeilen sorgte, auf den Punkt.

Levy: Ist das so? Bei uns in der Schweiz gibt es meist in einer Stadt nur eine Gemeinde, auch wenn mehrere Synagogen existieren. Dass es in Berlin anders ist, habe ich erst bei der Vorbereitung mitgekriegt, als sich zum Beispiel die Frage stellte, wo wir den Antrag stellen müssen, wenn wir in der Synagoge in der Rykestraße drehen wollen.

Filmecho: Gleichzeitig repräsentiert Zucker einen sehr typischen DDR-Bürger, dem die Religion fremd geworden ist.

Levy: Ein Teil der Familie von Holger Franke ist in Güstrow geblieben, während er selber in der Nähe von Göttingen aufgewachsen ist. Er kannte daher politische Diskussionen bestens. Mit seiner Tochter Anja war ich in den 80er Jahren oft im Osten und habe schon eine Menge mitbekommen. Zum Beispiel diesen drögen, ironischen Humor, den ich schon damals sehr mochte. Über die spezielle Situation von Menschen jüdischen Glaubens in der DDR habe ich zum ersten Mal von Thomas Brasch erfahren. Ihnen war zwar bewusst, woher sie stammen, sie haben nie in der Tradition gelebt. Bei mir war das umgekehrt. Ich bin in einem jüdischen Umfeld aufgewachsen. Als ich nach Berlin kam, habe ich meine jüdischen Kontakte verloren und nie den Weg zur Gemeinde gefunden. Ich konnte mir daher ganz gut vorstellen, wie es Jaeckie Zucker so ergeht, wenn er plötzlich eine Identität dazugewinnt.