Gefundenes Fressen

Gefundenes Fressen

BR Deutschland 1976, Spielfilm

Gefundenes Fressen


Günther Bastian, film-dienst, Nr. 07, 29.03.1977

Michael Verhoeven widmet sich dem Daseinsbereich der sogenannten "Penner" nicht als Sozialkritiker, sondern als "Filmpoet". Obwohl er die Lebensumstände der gesellschaftlichen Außenseiter zum Teil ziemlich genau ablichtet und damit eine dokumentarische Illusion zu erwecken versucht, ist sein Randexistenzen-Film alles andere als wirklichkeitsverbunden. Erzählt wird in biederem Reihungsstil die Geschichte der seltsamen Freundschaft zwischen einem Polizeibeamten und einem betagten, von Heinz Rühmann mit gewohntem "Herz" gespielten Penner. Während der wortkarge Alte, dem 1945 die Kraft zum Anschluß an die neu sich aufbauende Gesellschaft fehlte, von einem Seniorenurlaub auf Mallorca träumt und dafür jede durch Gelegenheitsarbeit und "ausgleichende" Ladendiebstähle ergatterte Mark aufs Sparkonto trägt, hängt der durch nörglerische Ehe, pusselige Häuslichkeit und untergeordneten Dienst frustrierte und deshalb disziplinlose Polizist dem Wunschbild von einer großen Karriere bei der Kripo an. Beiden gemeinsam ist das Gefühl, daß in der vermeintlichen Realität des Lebens immer eine bedrängende, befremdend andersartige Wirklichkeit ihre Zeichen setzt; und darum kommen sie sich über eine Zufallskumpanei bis zum kameradschaftlichen Füreinandereinstehen immer näher. Die Zuneigung vertieft sich um so mehr, je weniger beider Anlehnungs- und Selbstbestätigungsbedürfnisse bei den Frauen Erfolg haben: Der alte Penner, der mit wachsender Herzensneigung eine jugoslawische Gastarbeiterin "bevatert", wird von ihr ohne Abschied plötzlich sitzen gelassen. Der Polizist hingegen erkennt bei der Wiederbegegnung mit einer Jugendfreundin in ihr nur ein trostloses Abziehbild seiner quengelnden Ehefrau. In der Erkenntnis, daß es mit seiner Kripo-Laufbahn nichts wird, versucht der Polizist, wenigstens den Traum des ungleichen Freundes wahrzumachen. Er bringt den Penner dazu, den Flug nach Mallorca wirklich zu buchen. Bewegt nehmen beide voneinander Abschied. Doch unmittelbar vor dem Einstieg in den Jet macht der Alte kehrt und geht zurück in eine nun noch illusionsärmere Einsamkeit.

Was den Film ärgerlich und langweilig macht, ist das Mißverhältnis zwischen Thema und Ausführung. Die Vergeblichkeit menschlichen Bemühens, harte Lebenswirklichkeit durch Illusionen zu neutralisieren; die Abhängigkeit des Individuums mit seinen geistig-seelischen Bedürfnissen vom Nächsten, die schwere Auflösbarkeit menschlicher Einsamkeit – das alles ist im Ansatz "drin". Doch die Probleme der an ihrer Selbstverwirklichung durch Umweltschuld und Eigenschwäche verhinderten Persönlichkeiten sowie die Prozesse der Entdeckung des wahrhaft Menschlichen werden von Verhoeven nur zu einer märchenhaften Herzensoper mit Taschentuchappell verschmiedet. Er tut es mit viel Münchner Lokalkolorit, mit mancherlei Scheinpoesie, mit Aalglätte und unter zäher Entwicklung von Sentimentalitäten. Da ist keine Spur von chaplineskem Tiefgang; auch nicht ein Hauch von der geistvollen Vitalität, die einst den Clochard-Film "Im Kittchen ist kein Zimmer frei" (fd 8350) zu einem gehaltvollen Schmunzelvergnügen machte. Was das unverdiente "Besonders wertvoll" anbelangt, so stellt man sich wieder einmal die Frage, nach welchen Kriterien die Filmbewertungsstelle einen Film eigentlich prädikatisiert.